Newsletter 04/2016 vom 18. April 2016
Unser Jahresrückblick 2015 

 

Alternativtext; Was soll zukünftig in Moabit leuchten? Historische Gasaufsatzleuchte (links) oder Standard-Elektroleuchte (rechts), Foto: Gaslicht-Kultur e.V.
Gefahr im Kiez um die Emdener Straße: Mit dem Vorwand der Kriminalitätsprävention sollen rund 160 Gas-Aufsatz- und Hängeleuchten im Viertel zwischen Beussel-, Siemens-, Oldenburger und Turmstraße verschwinden - und nicht durch LED-Gaslichtimitate, sondern durch gewöhn-
liche Elektro-Standardleuchten mit weißem LED-Licht ersetzt werden. Wenn es dazu kommt, bedeutete dies den Ausstieg aus dem bisher vom Senat in der Öffentlichkeit stets kommunizierten Prinzip, Gaslaternen grundsätzlich durch solche LED-Imitate zu ersetzen, die zumindest vom äußeren Erscheinungsbild her der Gasbeleuchtung ähnlich sind. Das bestätigt unsere Befürchtungen, dass es eine Umrüstung von Gasleuchten auf LED nicht flächendeckend, sondern nur in Ausnahmefällen für bestimmte Stadtbereiche geben wird.


LED-Musterstrecke
Im betroffenen Gebiet in Moabit habe die Polizei angeblich eine erhöhte Kriminalität festgestellt und deshalb hellere Straßen gefordert. Das wirkt vorgeschoben, da gerade hier die Gaslaternen sehr dicht stehen (beidseitig mit nur 15 m Abstand), die Straßen also bereits sehr gut ausgeleuchtet sind, und Moabit West laut Kriminalitätsatlas 2013 eines der am wenigsten belasteten Gebiete ist (Die Kriminalitätsschwerpunkte liegen in den sehr hell elektrisch beleuchteten Bereichen wie dem Alexanderplatz oder der Gedächtniskirche).

In der Waldstraße werden als "LED-Musterstrecke" sieben mögliche Leuchtentypen präsentiert: allesamt in der äußeren Form denkbar ungeeignet für Gründerzeit-quartiere, das Licht ziemlich blendend, aber in der Gesamt-Lichtwirkung interessanterweise teilweise deutlich dunkler als die Gaslaternen. Die betroffenen Bürger dürfen sich bis 30. April online oder per Stimmzettel äußern, welche Leuchte ihnen am besten gefällt; die Alternativen "Gasbeleuchtung beibehalten" oder "Ersatz durch LED-Gaslichtimitate" werden gar nicht zur Abstimmung gestellt:
So wünscht sich der Senat die zukünftige Beleuchtung im Beusselkiez


Aufklärung durch Moabiter Anwohnerinitiative und Gaslicht-Kultur e.V.
Eine von Gaslicht-Kultur e.V. unterstützte Moabiter Anwohnerinitiative um Volker Elingshausen hat in den betroffenen Straßen Flugblätter verteilt und mit einem Vortrag bei einer Informationsveranstaltung am 16. Februar, bei der auch Senatsvertreter zu Wort kamen, erfolgreich Aufklärungsarbeit geleistet, wie ein Stimmungstest am Ende der Veranstaltung bewies, bei dem sich eine deutliche Mehrheit für die Beibehaltung der Gaslaternen aussprach:
Bleiben die historischen Gaslaternen oder kommen neue LED-Leuchten?

Online-Petition fordert Erhalt der Gasbeleuchtung
Moabit ist auch Thema einer Online-Petition, die seit Mitte Oktober auf change.org läuft. Die Initiatoren fordern die Erhaltung des Gaslichts in ganz Berlin, insbesondere aber in Moabit. Die Petition richtet sich an Christian Hanke, Bürgermeister von Mitte, an Baustadtrat Carsten Spallek und an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller. Sobald die nötige Anzahl von Unterschriften erreicht ist, sollen sie an diese drei Politiker übergeben werden. Sie können hier unterschreiben:

Stimmen Sie hier gegen den geplanten Gaslaternenabriss in Moabit!

Gaslaternenmuseum; Historische Exponate im Gaslaternen-Freilichtmuseum, (c) Gaslicht-Kultur e.V.
Das Gaslaternen-Freilichtmuseum an der Straße des 17. Juni in Tiergarten ist in extrem schlechtem Zustand. Seit Jahren wird die Instandhaltung vernachlässigt, vor etwa einem Jahr montierten Arbeiter außerdem ohne erkennbaren Grund viele Leuchtköpfe ab. Die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung plant, das Museum komplett auf das Gelände des Technikmuseums in Kreuzberg zu verlegen. Keine gute Idee, wie wir meinen. Sind die Leuchten erst einmal abgebaut und eingepackt, ist es fraglich, ob sie jemals wieder aufgestellt werden. Und selbst wenn: Am Technikmuseum, das abends verschlossen ist - also gerade dann, wenn die Gaslaternen leuchten - würden die Lampen bei weitem nicht die gleiche öffentliche Wirkung erzielen wie im touristisch interessanten Bereich um den Zoologischen Garten. Vernachlässigung, nicht Vandalismus ist unserer Beobachtung nach der Hauptgrund für die Schäden. Wenn es unbedingt ein neuer Standort sein muss, haben wir gute Ideen für repräsentative Plätze in Charlottenburg und Mitte, an denen das Freilichtmuseum gut zur Geltung kommen würde. Bei einem Gespräch mit dem Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke, konnten wir diesen dafür gewinnen, sich für den Erhalt des Museums am derzeitigen Ort stark zu machen; auch Tourismus-Chef Burkhard Kieker hat sich dieser Forderung angeschlossen.
Berliner Zeitung: Gaslaternenmuseum soll nach Kreuzberg umziehen

Rathaus Reinickendorf im Gaslicht; Noch brennen sie, die Gaslaternen vor dem Rathaus Reinickendorf, (c) Gaslicht-Kultur e.V.
Einwohnerantrag in Reinickendorf angenommen
Am 10. Februar 2016 wurde ein weiterer von Gaslicht-Kultur e.V. unterstützter bezirklicher Einwohnerantrag zum Erhalt des Gaslichts von der BVV Reinickendorf mit den Stimmen von CDU und Grünen, gegen die Stimmen der SPD, angenommen. Zuvor wurde im Bauausschuss über den Antrag beraten, zur Anhörung wurden Dr. Peter Burman, britischer Welterbeexperte, und Bertold Kujath, Vorsitzender Gaslicht-Kultur e.V., eingeladen. Auch Vertreter des Senats und ein Vertreter der Firma Vattenfall kamen zu Wort. Nach einer angeregten Diskussion stimmte der Bauausschuss mehrheitlich für den Einwohnerantrag und empfahl dem Bezirk, den Antrag endgültig anzunehmen. Damit gehört Reinickendorf zusammen mit Treptow-Köpenick, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf zu einer Liste gaslichtfreundlicher Bezirke; in den beiden letzteren sind ähnliche Anträge bereits 2012 bzw. 2014 erfolgreich angenommen worden. Das Bezirksamt wurde hiermit dazu verpflichtet, sich beim Berliner Senat den Erhalt der Gas-Straßenbeleuchtung im Bezirk einzusetzen.

Lesen Sie auch hierzu in der Berliner Woche:

Erfolgreicher Bürgerantrag: Gaslicht im Bezirk soll bleiben.

Einwohnerantrag in Tempelhof-Schöneberg abgelehnt
Dass es leider auch anders laufen kann, zeigt das Beispiel Tempelhof-Schöneberg. Am 16. September 2015 sprach sich die BVV dort mehrheitlich gegen einen ähnlichen Einwohnerantrag aus. Die BVV setzt sich damit über den erklärten Willen von über 1000 Einwohnern hinweg. Unser Eindruck: Die Bezirkspolitiker in Tempelhof-Schöneberg sind gegenüber Berlins Gas-Straßenbeleuchtung besonders negativ eingestellt. So hat sich die Bezirksbürgermeisterin 2014 in einem Gespräch mit dem Aktionsbündnis "Gaslicht ist Berlin" gegenüber den Belangen des Denkmalschutzes nicht aufgeschlossen gezeigt. Ralf Olschewski, Vorsitzender der CDU-Fraktion in der BVV, forderte laut einem Artikel in der Berliner Woche die Umrüstung der Gas-Straßenbeleuchtung auch deshalb, weil von undichten Gasrohren eine zu große Gefahr ausgehe. Selbst wenn das stimmen würde, wäre dieses Problem nach einem Abriss der Gasbeleuchtung nicht behoben, da das öffentliche Gasnetz auch die Privathaushalte versorgt und weiterhin benötigt wird (Die durch die Umstellung auf Erdgas in den frühen 1990er Jahren entstandenen Probleme mit undichten Leitungen sind durch ein vor Jahren abgeschlossenes Sanierungsprogramm aber auch längst behoben). Außerdem haben Semperlux und Motzener Straße e.V. ihren Sitz im Bezirk - also eine Firma, die an der Umrüstung verdient und ein Verein, der sich als Drehscheibe zwischen Politik und Wirtschaft betrachtet. Beide sind nicht gerade als Gaslichtfreunde bekannt und üben mit Lobbyarbeit Einfluss auf die Bezirkspolitik aus.

Soweit und mit gaslichthellem Gruße

Ihr Team von Gaslicht-Kultur e.V..